„Die Malerei ist die Aussage“
Elisabeth Plank – Werkentwicklung und Rezeption
Gabriele Spindler
„Großes Bild mit Lila“ heißt das Gemälde, das Elisabeth Plank (geb. 1960) an den Beginn ihres 2015 veröffentlichten Werküberblicks stellte, einer Publikation, der es auch den Titel gab. Es ist eines der frühesten Bilder der Künstlerin, das dennoch bereits als paradigmatisch für die kommende Werkentwicklung und die künstlerischen Prinzipien Elisabeth Planks bezeichnet werden kann. Es zeigt eine Komposition von klar voneinander getrennten Farbflächen, die formal an unregelmäßig geschnittenes Papier erinnern, also collageartig zusammengefügt erscheinen, wenngleich sie mit Acrylfarbe auf Leinwand gemalt sind. Der Titel benennt keinerlei Bezugspunkte zur äußeren Realität, sondern verweist ausschließlich auf innere Komponenten der Malerei: das Bild, also eigentlich den Bildträger bzw. das Objekt, sein Format und die Farbe; in diesem Fall Lila, obwohl dies nur eine von mehreren verwendeten Farben ist. Die Zusammenstellung der unterschiedlichen Farbflächen im Bild macht deutlich, wie sich Farben zueinander verhalten, also welche in den Vorder- bzw. in den Hintergrund treten. Damit wird schon an diesem frühen Werk klar, dass das Hauptinteresse der Künstlerin den Grundfragen und -bedingungen der Malerei gilt.
Das Bild entsteht in Wien zu einer Zeit, als die Malerei gerade eine Renaissance erlebt. „Man malt wieder“, heißt es 1983 im Museum moderner Kunst, wo man Einfach gute Malerei präsentiert und dafür zehn österreichische Gegenwartskünstler der jüngeren Generation zusammenführt. 1986 folgt die Ausstellung Hacken im Eis im selben Museum mit fünf jungen Malern aus Österreich. Beide Ausstellungen sind zu dieser Zeit zentral für die Entwicklung und Rezeption der Kunst der Neuen Wilden, der österreichischen Spielart einer internationalen Rückbesinnung auf die Malerei, die sowohl expressiv-figurative als auch abstrakte Ausprägungen einschließt. Allerdings sind in beiden Ausstellungen ausschließlich männliche Positionen vertreten.
Elisabeth Plank dagegen wird 1986 zur Ausstellung Junge Szene Wien eingeladen. Diese ist, was Medien und künstlerische Zugänge betrifft, breiter ausgerichtet, betont das „Nebeneinander der Ausdrucksmöglichkeiten“ und berücksichtigt auch „Geometrisches“. Außerdem sind hier eben auch Künstlerinnen repräsentiert, wenngleich lediglich vier von 24 Positionen. 1989 ist Elisabeth Plank schließlich in der Ausstellung 60 Tage österreichisches Museum des 21. Jahrhunderts vertreten, die versucht, „einen sehr pluralistischen Ausschnitt aus der jungen österreichischen Kunstszene zu zeigen“.
In den 1980er Jahren oszilliert das Werk von Elisabeth Plank zwischen der Abstraktion, die den Gesamteindruck dominiert, und gegenständlichen Bezugspunkten, die manchmal erst durch die Bildtitel erkennbar werden. Deutlich wird aber von Beginn an, dass formale und kompositorische Fragen bei der Bildentstehung im Mittelpunkt stehen und nicht narrative Inhalte. Gegen Ende der 1980er Jahre findet der Airbrush Eingang in die Malerei Planks, eine Entwicklung, die ihre Bildwelt – vor allem in Verbindung mit der Schablonentechnik – bis in die frühen 1990er Jahre bestimmen wird. Es entstehen zarte Kompositionen mit schwebenden und nur an ihren Umrissen erkennbaren Gegenständen und Figuren, die den Bildern eine spezielle Leichtigkeit, aber auch eine metaphorisch-lyrische Note verleihen.
1990/91 tauchen für Planks Oeuvre ungewöhnliche Wort-Bild-Kombinationen in Fotografien und Siebdrucken auf. Bei einer Präsentation im Haus Wittgenstein kombiniert sie übereinander gelegte Selbstporträts in Schwarzweiß mit sehr persönlich anmutenden, poetischen Textfragmenten, während sie in der Ausstellung Der Ort in Wort in der Galerie der Stadt Wels unscharfe Siebdrucke von Wohnungsannoncen aus Tageszeitungen mit spielerischen Wortfindungen zusammenführt, die in der Tradition der visuellen Poesie zu verorten sind.
Anfang der 1990er Jahre erhält Elisabeth Plank außerdem zwei Auslandsstipendien und verbringt 1991 fünf Monate in New York. Ein Empfehlungsschreiben ihres Professors Oswald Oberhuber, bei dem sie an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien studiert hat und dem sie zeit seines Lebens verbunden bleibt, ermöglicht eine Ausstellung im Österreichischen Kulturforum, gemeinsam mit den beiden Künstlerkollegen Edgar Honetschläger und Josef Ramaseder.
1992 geht Plank für neun Monate nach Tokio und nimmt dort an einem Workshop des Malers Kenjiro Okazaki teil, dessen abstrakte, pastose und farbintensive Malweise sie beeindruckt. Besonders aber hinterlässt die Tradition der japanischen Tuschemalerei und Kalligrafie Spuren im Werk der Künstlerin, die vor allem in formaler Reduktion auf einfache Zeichen zum Ausdruck kommen. So entsteht die umfangreiche Serie Symmetrie und Symmetrie, für die Plank mit schwarzer Tusche auf mehrfach gefaltetem Reispapier experimentiert. Die Tropfen, die das feine Papier durchdringen, erzeugen unterschiedliche symmetrische Bildformationen. Aber auch die Serie der Farbcodes, mit Bildern, die ausschließlich aus seriell in Reihen angeordneten Farbstrichen bestehen, ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. In Werken wie Teich oder Japanische Landschaft löst sich diese Strenge – bei Beibehaltung des reduzierten Formenvokabulars von Strichen und Punkten – zugunsten einer wieder mehr malerischen Komposition auf. Gleichzeitig erfolgt mit der Titelgebung der Hinweis auf Landschaftseindrücke und somit auf gegenständliche Bezüge.
Die Bilder der Serie Zeitcontainer, bei denen Elisabeth Plank mit Sepiafarbe auf Molino arbeitete, entstehen ebenfalls noch unter dem Eindruck japanischer Einflüsse. Sie bestehen ausschließlich aus Punkten, die allerdings in der Variation und Verdichtung des Auftrags sowie durch die unterschiedlichen Nuancen innerhalb des Sepiatons bewegte und plastisch anmutende Bildkompositionen entstehen lassen, die mitunter an organische Formen erinnern.
Gegen Mitte der 1990er Jahre entwickelt sich die Malerei von Elisabeth Plank wiederum in eine erkennbar neue Richtung. Breite, schwungvoll gesetzte Pinselstriche, in Rinnsalen über die Leinwand fließende Farbe und darüber verteilte Farbspritzer erzeugen erneut eine ausgesprochen malerische Dynamik in den Werken dieser Phase. Außerdem lassen viele der Bilder ein Arbeiten in Schichten erkennen, die einander – manchmal flächiger, manchmal räumlicher – überlagern und in ihrem Zusammenspiel wesentlich zum Gesamteindruck der Bildkompositionen beitragen.
1996 kuratiert Elisabeth Plank zusammen mit ihrem Künstlerkollegen Franz Graf die Ausstellung (Antarctica) Brahma in der Galerie nächst St. Stephan, zu der auch ein gleichnamiges Künstlerbuch erscheint. Plank und Graf laden eine Reihe von isländischen und österreichischen Künstler:innen zu dieser Gruppenausstellung ein, darunter Elke Krystufek und Gisela Stigler. Plank selbst trägt zu diesem Buch einen lyrischen Text bei. Außerdem wird sie im selben Jahr zu der von Georg Eisler und Kristian Sotriffer kuratierten Ausstellung Elemente. Österreichische Malerei seit 1980 eingeladen, die in Dublin und später in Meran gezeigt wird.
Ab Mitte der 2000er Jahre verdichten sich die Kompositionen Elisabeth Planks mehr und mehr, sie werden komplexer und gestisch-expressiver. Farbspritzer, Airbrush-Wolken und Farben, die sich in breiten Bahnen oder feinen Rinnsalen über das Bild ergießen, ergeben ein vielschichtiges abstraktes Bildgefüge, in dem sich mehrere Bildebenen überlagern. Zugleich werden die Bildformate immer größer, zwei bis drei Meter breite Leinwände sind keine Seltenheit. Die Künstlerin ist in der Zwischenzeit nach Linz übersiedelt und hat wieder ein geräumiges Atelier bezogen. Das große Format beherrscht Elisabeth Plank mühelos. Die Souveränität des Entstehungsprozesses ist ihren großformatigen Werken, die ohne jegliche Entwürfe direkt an der Leinwand entstehen, eingeschrieben. Dabei überlässt sich Plank ganz dem Malvorgang, sie vertraut sich ihrem eigenen Schaffen an, denn „das Denken ist beim Malen das Malen“, wie es Gerhard Richter so treffend formuliert hat.
Wenige Jahre später werden die formalen Setzungen Planks in vielteiligen Serien auf Papier wie Vertikal, diagonal oder Code wieder reduzierter. Die Bilder bestehen aus einer Akkumulation von Streifen, meist vertikal und seltener diagonal angeordnet, wobei durch den Einsatz von Airbrush in Kombination mit Acrylmalerei eine besondere Bildwirkung entsteht. Diese Streifen finden auch Eingang in eine ganze Reihe von großformatigen Gemälden, in denen sie die Komposition meist flächig, manchmal aber auch räumlich strukturiert. Die horizontale oder vertikale Anordnung mehrerer gleichlanger Streifen in derselben Farbe erzeugt den Eindruck von Farbstapeln, nicht zufällig ist Farbstapel auch der Titel einer Serie, die zu dieser Zeit entsteht.
Es folgt eine Werkphase, in der mehrere Bildzyklen entstehen, die von amorphen Formen bestimmt sind. In Serien wie Online Kompositionen, Paintbabies oder Shapes entwickeln sich diese auf den schwarzen Bildgrund gesetzten Formen in einer spiralförmigen Bewegung aus der Bildmitte heraus bis sie an den Rand der Leinwand stoßen. Werke der Serie Shapes kann Elisabeth Plank 2019 in einer Einzelausstellung im Museumspavillon Mirabellgarten Salzburg umfassend präsentieren. Im selben Jahr wird sie zu der von Margarete Sandhofer kuratierten Ausstellung Discrete Austrian Secrets eingeladen, einer Präsentation österreichischer Gegenwartskunst mit 32 beteiligten Künstler:innen in der chinesischen Millionenmetropole Chongqing.
In den neuesten Werkserien Elisabeth Planks, mit Ponds und Lyrics betitelt, kehren die Streifenformen wieder, allerdings in einer weitaus freieren Setzung als zuvor. Durch die malerische Kombination mit eiförmigen Elementen, dem farbigen Bildgrund und natürlich aufgrund des Titels tauchen in der Serie der Ponds Assoziationen zu Landschaften und konkreter zu Reflexionen im Wasser auf. Der Titel der jüngsten Serie, Lyrics, die der aktuellen Ausstellung den Titel gab, meint dagegen nicht den unmittelbaren Bezug zu Songtexten, sondern vielmehr ein Zusammenwirken von lyrischem Grundton und Komposition, das die Arbeiten von Elisabeth Plank kennzeichnet.
Der an der beschriebenen Werkentwicklung erkennbare Wechsel zwischen gestisch-expressiven und reduzierteren Phasen, zwischen formal strengen und weicheren, poetischen Setzungen, zwischen Bezügen zur gegenständlichen Welt und gänzlich abstrakten Untersuchungen zu Farben und Formen, zeugt von einer kontinuierlichen Suche innerhalb der Möglichkeiten, die die Malerei bietet und die Elisabeth Plank unermüdlich ergründet. Das Prinzip der permanenten Veränderung in der Kunst, das ihr Lehrer und Freund Oswald Oberhuber vertrat, scheint sie dabei zu begleiten: “Kunst ist nicht Kontinuität, sondern AUGENBLICKHAFTE Erfindung.“ Als eine weitere „spielerische Begleiterin“ Elisabeth Planks erweist sich keine geringere als die Malerei selbst, der sich die Künstlerin in einer Art metaphorischer Personalisierung verbunden fühlt: „Danke an meine Gespielin, die Malerei, die immer nur wenig preisgibt, aber doch das Interesse an mir nicht verloren hat.“